
Ende September 2024 saß ich in Zagreb in einem Café und traf eine der schwersten Entscheidungen meines bisherigen Lebens. Entscheidung, die mich mit meiner größten Angst, der Angst vor Einsamkeit konfrontiert und meine Werte und gleichzeitig meine Werte, meine Überzeugungen, alles was mein Leben in den letzten Jahren zusammen gehalten hat, in Frage stellt: Ich ziehe nach 14,5 Jahren WG und mit 34 Jahren in eine eigene Wohnung.
Ich glaube es ist schwer nachzuvollziehen, warum mich diese Entscheidung so viel Kraft gekostet hat. Die erste eigene Wohnung ist für viele Menschen keine Entscheidung, sondern ein folgerichtiger Schritt. Vielleicht sogar ein Traum, der in Erfüllung geht. Für mich ist es ein Lebenstraum, den ich dafür aufgebe. Eine der Entscheidungen, die mir im Leben am schwersten gefallen ist und am meisten an meiner Identität kratzt. Nach diesem Moment im Café war ich so erschöpft, dass ich den Rest des Tages im Bett verbracht habe.
14 Jahre lang habe ich in WGs gelebt. Aus Freude an der Gemeinschaft, aus Überzeugung und Leidenschaft. In einer WG zu leben war Teil meines Lebenskonzeptes. „Ich liebe es in WGs zu leben, ich kann mir absolut nicht vorstellen, alleine zu wohnen.“ – war einer meiner Standardsätze. Die „große, eigene Wohnung“ in die ich niemals ziehen würde, war in meiner Familie ein Runnig-Gag. Und es stimmt. Noch immer. Und trotzdem ziehe ich jetzt in eine eigene Wohnung. Allein. Und auch wenn vermutlich kaum jemand verstehen wird, wie schwer mir das fällt, kommt hier der Versuch es einmal festzuhalten.
Raus in die Welt
Mit 19 bin ich bei meinen Eltern aus- und in meine erste WG eingezogen. Es ein Erweckungsmoment. die ultimative Freiheit. Endlich kann ich selbstbestimmt leben! Ich hatte vorher keine Freund:innen und plötzlich sind da nicht nur Menschen mit mir befreundet, sie wohnen sogar mit mir zusammen! Es sind goldene Jahre. Ich verbringe mehr Zeit in der WG-Küche als in meinem Zimmer und habe zum ersten Mal in meinem Leben das gefühl wirklich dazuzugehören. Aus meinen Mitbewohner:innen werden Freunde:innen. Aus Freund:innen wird Familie – und bleibt es zum Teil bis heute. Mein Lieblingslied aus dieser Zeit: „It’s my life“ von Bon Jovie.
Wenn du mal groß bist…
Mit Anfang 20 scheint es, als hätten alle einen Plan nur man selbst nicht. Es ist die Zeit des großen Suchens. Beziehung und Heirat? Kinder oder keine? Eigenheim oder Vanlife? Karrieremensch oder Lebenskünstler:in? Wir sitzen nächtelang zusammen und bauen uns unsere Zukunft wie ein Legoset zusammen. Und auch, wenn es für mich noch viele Fragezeichen gibt überwiegt ein Gefühl: Ich will nicht, dass dieses Leben jemals aufhört. Also ist für mich klar: Ich möchte für immer in WGs Leben, diese Zugehörigkeit und tiefen Beziehungen in Freundschaften und Mitbewohnerschaften ziehen, irgendwann dann vielleicht in einem Wohnprojekt oder so, aber auf keinen Fall allein. Wozu auch? Und so wird aus einem Gefühl ein Lebenstraum: Wenn ich mal groß werde, wohne ich mit meinen Freund:innen in einer großen WG.
Werte und Konflikte
Diese Vorstellung wird so zentral, dass sie irgendwann auch meine Identität prägt. Desto älter ich werde, auf desto mehr Unverständnis trifft mein Lebensstil. Ich muss viel häufiger erklären, warum ich in WGs wohne und mir das auch für die Zukunft wünsche. Also klopfe ich meine weiteren Lebenseinstellungen darauf ab, ob sie zu meiner Wohnzukunft passen:
Mir ist Nachhaltigkeit wichtig und es ist viel nachhaltiger auf kleinem Raum zu leben. Ich entdecke den Minimalismus für mich und natürlich macht es da Sinn, Dinge gemeinsam zu nutzen. WG’s sind für mich kein zusammengewürfelter Haufen Menschen, die sich über den Putzplan streiten sondern bilden in einem zugewandten Füreinander ein Gegengewicht zur Leistungsgesellschaft. Hier gehöre ich dazu, egal wie es mir gerade geht. In einer WG zu leben, bedeutet eine Utopie zu leben. Und wer bitte will da nicht dabei sein?
Arbeit als Dreh- und Angelpunkt des Lebens
Doch die Leistungsgesellschaft existiert und auch für mich wird mit dem 40 Stunden Job die Arbeit zum Lebensmittelpunkt. Oft bin ich danach zu müde für lange Abende am WG-Küchentisch. Für gemeinsame Mittagspausen oder Vormittagskaffee reicht die Zeit auch nicht mehr so wie früher. Und längst nicht jede:r Mitbewohner:in wird zum Familienersatz. Ich finde es zunehmend anstrengend fast jedes Jahr einen Wechsel in der WG zu haben, denn es dauert, bis man sich wirklich kennt, vertraut und eine gemeinsame Gruppenroutine entwickelt hat. Die sich mit dem nächsten Auszug schon wieder verändert. Ich warte lange auf eine weitere wirklich gute WG Besetzung. Bis ich merke, ich will keine Kompromisse mehr, ich will ankommen. Und zum ersten Mal überlege ich: „Vielleicht suche ich mir auch einfach alleine eine Wohnung.“ Und sofort hinterher: „Aber dann muss ich ja auch eine eigene Waschmaschine kaufen…!“
Vom Warten und Finden
Und dann ist sie plötzlich da: Die Möglichkeit Mit Menschen zusammen ziehen, die ich kenne und mag. Mit Freund:innen eine neue WG zu gründen. Und es ist die Weiche, die es mir ermöglicht, erst mal weiter minimalistisch ohne eigene Waschmaschine zu leben. Eine kaufen müssen wir trotzdem. Gebraucht natürlich, Nachhaltigkeit und so. In diesen 1,5 Jahren in Wuppertal merke wieder, was ich am WG Leben so gerne mag und hier auch wirklich wieder leben und schätzen kann: unkomplizierte Gemeinschaft im eigenen zu Hause. Unterstützung, wenn ich sie brauche. Ruhe oder Ablenkung, wenn ich sie brauche. Kleine Gespräche zwischendurch, gemeinsam verquatschte Abende auf dem Balkon, nach denen alle einen kurzen Weg ins Bett haben und niemand los muss um noch eine Bahn zu kriegen. Menschen zu finden, die mit mir zusammen in einer WG leben wollen, war lange ein Lebenstraum von mir. Mit diesen beiden Menschen wird er war und ich bin unglaublich dankbar dafür.
Was mich in dieser Zeit aber zunehmend anstrengt ist mein Job in Dortmund. Und vor allem die Bahnfahrten dorthin. In Dortmund habe ich nicht nur meinen Job zurückgelassen, sondern auch viele Freund:innen und Events, Gewohnheiten und Orte. Kleine Stücke meines Lebens, zu denen ich nun eine Stunde mit der Bahn fahren muss. Und auf lange Sicht bleibt zwischen Job, Zugfahren und Leben für die WG zu wenig Zeit. Die Realität hat die Utopie geschluckt.
Neue Türen
Lange habe ich versucht, alles zusammenhalten und habe irgendwann festgestellt: Ich bin selbst nicht mehr da. Vielleicht ist es nachhaltiger und minimalistischer und antikapitalistischer nicht alleine zu wohnen. Aber Werte die nur noch einen Selbstzweck erfüllen, werden zu Prinzipien, die dem echten Leben im Weg stehen. Und doch: Wer bin ich denn, wenn ich nicht in einer WG wohne? Seit meiner Jugend begleitet mich eine tief sitzende Angst vor Einsamkeit. Was passiert, wenn ich wirklich ganz auf mich gestellt bin? Darf ich wirklich so viel Raum einnehmen? Eine ganze Wohnung nur für mich beanspruchen? Der Gedanke macht mir Angst. Und doch spüre ich immer mehr, dass es der nächste Schritt sein wird. Ich möchte neuen Raum schaffen. Für mich. Und für Menschen, die ich in diesen Raum einladen möchte. Ich möchte das Alleine sein lernen. Das Mit-mir-Leben. Um mich mit den dann frei werdenden Kapazitäten auch wieder mit neuen Menschen verbinden zu können. Ich will mutig sein. Denn: It’s my life – again.
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