Was bleibt von Lützerath?

In der zweiten Januarwoche schwappt es in meinen Insta Feed. Lützerath. Ein Freund von mir postet viele Beiträge dazu. Er war selbst vor kurzem dort, kurz bevor die Polizei kam. Er sah einen Ort, der von Aktivist*innen zu neuem Leben erweckt worden war. Solidarisch, gemeinschaftlich, bunt. Über die sozialen Medien verfolge ich die Räumung. Erst nur über Instagram, dann auch auf dem Telegram-Kanal der Aktivist*innen. Der Polizei Einsatz verläuft nicht unbedingt ruhig. Auf dem Telegram-Kanal ist die Hektik spürbar, der Druck und der dem die Aktivist*innen stehen. Die Polizei tritt als zahlenmäßige Übermacht auf. Beschränkt teilweise die Pressefreiheit und behindert journalistische Arbeit. Gefährdet lauf den Beschreibungen der Aktivisti*innen Leben, in dem z.B. Sicherungsseile von Baumhäusern durchgeschnitten werden.

Foto von der Räumung. Quelle: Aktionsticker Lütherath

Die Entscheidung

Über die Woche werde ich immer mehr vom Geschehen eingesogen. Frage mich: „Kann ich das eigentlich noch vertreten nur zuzusehen, was hier passiert? Kann, ja muss ich nicht etwas tun? Ich habe doch gerade Zeit. Ich kann doch hinfahren. Das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Da muss doch noch was zu machen sein.

Gleichzeitig schäme ich mich, dass ich das Thema so lange ignoriert habe. Habe Gewissensbisse, weil ich das politische Geschehen in der letzten Zeit aus meinem Leben fast ausgeklammert habe. Oft zu schlecht informiert bin, oft müde ob der vielen, vielen Dinge, die meine Aufmerksamkeit, meine Tatkraft, meine Demonstrationsbereitschaft doch so dringend brauchen. Die Frauen im Iran, die Menschen in Afghanistan, der Krieg in der Ukraine, die Flüchtenden, die Flutopfer an der Ahr, die Wohnungslosen am Bahnhof, die mich nach Kleingeld fragen… Das ganze Elend der Welt bricht in dieser Woche über mir zusammen. Und dann sage ich meine geplante Reise nach Paris ab und entscheide mich für Lützerath. Nach Paris kann ich immer noch. Urlaub ist ein Privileg, das ich an dieser Stelle gerne dafür zurückstelle. Ich fahre nach Lützerath.

Viel los auf der Demo, hier beim Protestzug durch Keyenberg.

Alle Dörfer bleiben?

Und so stehe ich am Samstag um 8.00 Uhr am Bahnhof. Mit einer kleine Freundesgruppe, die sich spontan zusammengefunden hat, sind wir zwei Stunden später in Erkelenz und werden mit Shuttle Bussen zum Demo Ort gebracht. Es ist nicht das erste Mal, dass mir die gute Organisation der Aktivist*innen auffällt, Essen und Versorgung für eine große Gruppe zu organisieren, professionelle Öffentlichkeitsauftritte, tägliche Live-Schalten auf Instagram und You-Tube, überhaupt die Organisation hinter der ganzen Bewegung.

Nach 20 Minuten Fahrt sind wir in Keyenberg. Ich kenne das Dorf, eine Freundin von mir ist hier aufgewachsen, mit dem Rattern der Kohlebagger im Ohr. Jetzt steht das Dorf fast leer. Die Bewohner*innen sind nach Neu-Keyenberg umgesiedelt worden. Es ist ein seltsames Gefühl, durch das Dorf zu laufen. Das hier gehört jetzt alles RWE. Durch den Kompromiss der Ampelregierung mit RWE wird hier jetzt doch nichts weggebaggert. Aber die Grundstücke, gehören natürlich trotzdem RWE. Mir wird ein bisschen schlecht bei dem Gedanken. Wir laufen an der Kirche vorbei. Hier war ich schon einmal, kurz nach der Entwidmung. (Link zum Blogbeitrag „Lasst die Kirche im Dorf“). Inzwischen sind die Glocken wohl schon raus. Was passiert jetzt mit dieser (immer noch?) denkmalgeschützten Kirche?

Foto: Jako Plaß

Matsch und Spinat

Hinter Keyenberg spaltet sich die Menschenmenge schnell. Einige laufen zur Bühne der Abschlusskundgebung, hören Greta Thunberg und die anderen Redner. Ein Großteil läuft aber auch zur Abbruchkante des Tagebaus, die in Sichtweite liegt. Es sind so viele, dass man von weitem nicht sagen kann, welche Richtung nun die „offizielle“ ist. Die Veranstalter*innen hatten davor gewahrt sich dort aufzuhalten. Wir stapfen auch über das Feld, ziehen an der Abbruchkante vorbei mit dem Strom weiter über einen zu gematschten Feldweg in Richtung Lützerath. Wir wollen mehr als zuhören. Wir wollen etwas tun. Vielleicht gibt es eine Sitzblockade oder eine Menschenkette. Wir klettern über einen hohen Erdwall. Mit Megaphonen werden wir von Aktivist*innen aufgefordert auf die andere Seite zu kommen. Menschen von oben reichen uns die Hand. Alles sind hier sehr hilfsbereit, offen, solidarisch. Auf der anderen Seite stehen wir auf einem weiteren lehmigen Acker. Es sind immer noch so viele Menschen da. Die Stimmung ist angespannt. Der Acker wird von einem ca. 5 m breiten und 20 cm tiefen Graben begrenzt. Dahinter ein weiterer hoher Erdwall auf dem Polizist*innen stehen. Dahinter ein Bauzaun. Dahinter noch mehr Polizei. Mannschaftswagen, Wasserwerfer. Dahinter noch ein Bauzaun. Und dann erst das Dorf. Halb abgerissene Gebäude sind zu sehen, einige Baumhäuser stehen noch. Vereinzelt sieht man sogar noch Menschen in den Bäumen hängen. Am Boden Polizei und Warnwesten. Aber viel ist nicht zu erkennen.

Wir stehen etwas ratlos herum, laufen etwas weiter. Die Situation ist chaotisch. Es gibt keine richtige Strategie. Die Anordnungen der Polizei sind kaum zu hören, weil der Wind in die falsche Richtung bläst. Wasserwerfer werden in Stellung gebracht. Wir reihen uns in eine Menschenkette ein. Aber auch hier scheint niemand Ahnung zu haben, was damit eigentlich bezweckt werden soll. Einmal rum? Und dann? Den Schichtwechsel der Polizei verhindern? Eine Menschenkette vor diesem krassen Aufbau wirkt lächerlich unwirksam. Links von uns entsteht ein Tumult. Wasserwerfer kommen zum Einsatz. Der Wind steht ungünstig für die Polizei und sie bekommt fast genau so viel ab, wie die Menschen vor dem Wall.

Dämmerung

Irgendwann sagt meine Nachbarin in der Menschenkette, sie müsse jetzt los. Ihr letzter Zug fährt gleich. Es dämmert. Die Kette löst sich langsam auf.

Und dann stehe ich da. Auf einem zertrampelten Spinatfeld in der Dämmerung, vor einem hermetisch abgeriegelten Dorf, in dem zwischen halb abgerissenen Bauernhäusern und herunter gerissenen Baumhäusern immer noch Polizisten herumlaufen. Es ist unwirklich hier zu sein. So dicht dran. Und doch so weit entfernt. Es ist gut, das so zu spüren, so direkt zu sehen wie unglaublich krass diese Abriegelung und Abschreckung ist. So unmittelbar diese Hilflosigkeit und Machtlosigkeit zu verstehen, die Frustration, die greifbar in der Luft liegt. Wir waren viele. Aber egal wie viele wir gewesen wären, wir hätten hier nichts erreichen können.

Die Polizei, dein Freund und Helfer?

Kurz bevor wir gehen wollen, treffen wir noch einen Freund. Er hat Nase und Ohr im Verband, war bei denen, die die ersten Polizeiketten durchflossen haben. Seine Schilderungen decken sich mit denen, die ich in den Tagen darauf in Videos sehe und bei den Schilderungen der Demosanis in der Tageschau höre: Es gab Provokationen von beiden Seiten. Es gab Gewalt von beiden Seiten. Und die Polizei ging bei körperlichen Auseinandersetzungen schnell auf den Hals und Kopfbereich.

Ich will hier nicht viel darüber schreiben, denn ich finde, lenkt die Diskussion weg von den eigentlichen Themen des Protestes. In den Tagen danach wurde und wird viel über die Verhältnismäßigkeit dieses Einsatzes gesprochen. Das ist gut und richtig. Aber wir müssen gleichzeitig dringend über ein Moratorium sprechen. Darum, welche Mittel es noch gibt, den Kohleabbau zu stoppen. Daher hier nur ein Punkt: Ich bin gegen jede Gewalt bei Demonstrationen. Ich kann aber auch das Gefühl verstehen, nicht gesehen und gehört zu werden. Sich nicht mehr anders bemerkbar machen zu können als durch körperliche Auseinandersetzung. Es war absehbar, dass es in Lützerath dazu kommt. Das war auch der Polizei klar, die abschreckenden Vorbereitungen zeigen das deutlich. Aber bei einer Konfrontation zwischen Demonstrant*innen und Polizei trifft der Staat auf seine Bürger. Und dann muss es Aufgabe der Polizei sein, zu deeskalieren. „Unmittelbarer Zwang“ ist nicht deeskalierend. Drohungen und Provokationen von Seiten der Polizei sind nicht deeskalierend. Gezielte körperliche Gewalt auf den Kopf ist nicht deeskalierend. Die Videos und Bilder sprechen eine andere Sprache (Links). Hier trifft der Staat auf seine Bürger. Die Polizei ist dabei gegenüber den Demonstrant*innen in einer Machtposition. Und die geht mit der Verantwortung einher, diese Macht nicht auszunutzen. (Monitor Link) Insbesondere, weil hier viele jungen Menschen protestieren. Wer mit Fridays for Future groß geworden ist, erlebt die Politik in Sachen Klima als zu zögerlich und nun auch noch die Polizei als gewaltvoll und restriktiv. Keine guten Voraussetzungen um ein vertrauensvolles Verhältnis in einen demokratischen Staat aufzubauen.

Es geht um so viel mehr

Und dabei geht es in Lützerath um so viel mehr. Es geht um die Frage, mit welchen Argumenten, ein Abbau von Kohle überhaupt noch gerechtfertigt werden kann. Darum, wie wir es schaffen, das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Es geht um die Frage, was dem Gemeinwohl dient: Die Umsiedlung von tausenden Menschen und die Verbrennung von Kohle oder schnelle und effektive Lösungen zum Klimaschutz und Ausbau der erneuerbaren Energien? Es geht um die Frage, ob es ein Recht auf Heimat gibt. Darum, warum bester Ackerboden vernichtet werden soll, ein Boden, den wir noch dringend brauchen werden, wenn wir mit den durch die Klimakrise verursachten Ernährungskrisen zu tun haben werden. Es geht darum, dass selbst mit der Einhaltung des 1,5 Grad Ziels viele Regionen der Welt unbewohnbar werden. Weil das, was einigen wenigen privilegierten Menschen nützt, vielen Milliarden Menschen schaden wird und jetzt schon schadet. Es geht um Machverteilung und um Gerechtigkeit, in einem System, das auf Gewinn und Profit ausgelegt ist. Es geht darum, wie wir etwas verändern können, in dieser Welt.

Denn trotz allem, bin ich am Ende des Tages froh, dort gewesen zu sein. Es war ein gutes Gefühl, für etwas einzustehen, das ich für richtig halte. Die eigenen Werte zu vertreten. Und es ist gut, dieses Gefühl wieder geweckt zu haben, dass sich unter den Nachrichten der letzten Monate zerdrückt zurückgezogen hatte. „Wir sind nicht hier, weil es leicht ist oder bequem. Wir sind hier, weil es richtig ist.“, sagt Luisa Neubauer in ihrem Fazit auf Instagram. Und: Es ist noch nicht vorbei.


Was bleibt von Lützerath, wen der Schlamm von den Schuhen im Abfluss verschwunden ist?


Links

Das Thema ist komplex und kann aus vielen verschiedenen Bereichen beleuchtet werden. Hier sind einige Quellen, die mir in den letzten Tagen geholfen haben, mir ein Bild von der Lage zu machen.

Website der Initiative „Lützerath lebt“. Gemeinsam mit anderen Initiativen im Aktionsbündnis „Lützerath unräumbar“ ist „Lütherath lebt“ seit Jahren vor Ort aktiv. Die Aktivist*innen haben direkt in Lützerath gelebt, das Dorf besetzt und blockiert.

Interview mit Eckhardt Heukamp, einem Landwirt aus Lützerath, der den Wiederstand vor Ort erst ermöglicht hat. Als Anwohner beobachtet er das Geschehen schon seit Jahren, als Landwirt geht es ihm außerdem auch um die Böden, die abgebaggert werden sollen.

Taz Artikel von Luisa Neubauer „Ihr habt euch verrechnet“. Darüber, was die Kohle unter Lützerth mit dem 1,5 Grad Ziel und dem Parieser Klimabkommen zu tun hat.

Podcast vom SWR mit Frederik Fleig, der bei der Räumung von Lütherath vor Ort war. Ich finde auch seinen Instgram Highlight zu Lützerath als journalistische Aufarbeitung sehr gut (@frederikfleig).

Beitrag von netzpolitik.org zur Behinderung der Pressearbeit bei der Räumung Lützeraths und in anderen Polizeieinzsätzen.

Fazit der Demo von Luisa Neubauer auf Instagram. Auch andere Videos auf Ihrem Kanal sind wichtig (@luisaneubauer)

Studie von „Coal Transitions“: Gasknappheit: Auswirkungen auf die Auslastung der Braunkohlekraftwerke und den Erhalt von Lützerath.

Studie von „Agora Energiewende: „Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2022. Rückblick auf die wesentlichen Entwicklungen sowie Ausblick auf 2023“.

2 Antworten zu „Was bleibt von Lützerath?”.

  1. Danke für das Teilen deiner Eindrücke.

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