Es war um 3.00 Uhr morgens. Auf einer WG Party. Im Hintergrund lief Musik, Menschen tanzen und singen mit. Wir standen auf dem Flur, nebeneinander, ein leeres Glas Wein, ein halb volles Bier. Wir waren so hineingeschlittert in dieses Gespräch, das vielleicht nur deshalb möglich war, weil wir uns schon aus einem ganz anderen, ernsteren Kontext gut kannten ohne die wichtigen Fragen jemals gestellt zu haben. Wir hatten über Emotionalität gesprochen, über unsere Hilflosigkeit gegenüber den großen Problemen der Zeit, über Aktionsimus und gerechtes Handeln. Und dann schwappten die mitgesungenen Takte eines Songs zu uns heraus:
Ich bin komplett im Arsch,
weiß nicht wohin mit mir
Ich bin komplett im Arsch
Keine Ahnung wie es weiter geht.
Jan „Monchi“ Gorkow, der Sänger von Feine Sahne Fischfilet singt mit unverkennbarer Lethargie und sonnorer Stimme diese Zeilen. „Gutes Lied“, meint er neben mir. „Hmmm. Kann ich nicht immer so gut hören. Geht ja um Depressionen. Ich hab einfach genug Menschen in meinem Leben, die damit Erfahrungen gemacht haben. Ich kann mich da nicht so gut abgrenzen.“
„Aber vielleicht musst du auch einfach nur akzeptieren, dass du das nicht kannst.“ „Was? Mich abgrenzen?“ „Ja.“
Puh, der Satz hat mich ganz schön getroffen. Akzeptieren ist nämlich bei mir nicht. Mach ich nicht. Schon allein bei dem Wort regt sich mein Widerstand. Ich akzeptier doch nicht! Schon gar nicht das, was du für richtig hälst!
Aber gut, um 3.00 Uhr morgens ist der Widerstand eh schon hinten über vom Sofa gekippt. Da kann man auch mal ein bisschen weiterdenken. Also? Kannst du akzeptieren wer du bist?
Es stimmt, ich kann mich nicht gut abgrenzen. Emotionen anderer Menschen treffen mich oft direkt und unmittelbar. Da gibt es keine Barierre zwischen Innen uns Außen. Als wir damals in der Schule den Film „We feed the world“ gesehen haben, einen Film, der die Zusammenhänge von Globalisierung und Ernährung aufzeigt, konnte ich eine ganze Pause lang nicht sprechen und war am nächsten Tag Vegetarierin. Der Film „Systemsprenger“, der aktuell in den Kinos läuft hat mich ähnlich getroffen und in beiden Fällen wundere ich mich immer wieder über meine Freunde, die schon kurz danach weiter machen wie bisher.
Als eine flüchtige Bekannte mir bei einem gemeinsamen Essen ihr Herz ausschüttet trifft mich ihre Einsamkeit und Verzweiflung und Unsicherheit derart, dass ich noch Tage später ein Kribbeln im Nacken spüre und die Schultern hochziehen möchte, wenn ich an sie denke. Ich gehe kaum auf sie ein, versuche mich vor ihrem auseinanderfallenden Ich zu schützen, aber für ihre um sich schlagenden Emotionen habe ich keine Barierren. Solche Situationen kenne ich und deshalb ist für mich auch schon länger klar: Den Seelenklempter mache ich nur noch für ganz bestimmte Menschen. Trotzdem komme ich hier ins Grübeln und frage schließlich meinen Mitbewohner: Du bist doch auch jemand, dem Menschen gern ihr Herz ausschütten. Wie kommst du damit klar? Fühlst du das auch immer so mit?
Nein, tut er nicht. Er ist einer der empathischsten Menschen die ich kenne und dabei völlig unverstellt und immer bei sich. Bewundernswert, für ein emotional schwankendes Inneres wie meins, das durch emotionale Einwürfe von außen ständig darum kämpfen muss nicht aus der Bahn zu fliegen.
Wäre es nicht einfacher so zu sein? Endlich diese Innere Ruhe zu finden?
Ja, vielleicht. Es hört sich zumindest so verlockend an! Irgendwie muss man das doch schaffen, so ruhig zu werden. Dachte ich. Und dann war ich auf einem Vortrag von Pia Klemp, einer Kapitänin die unter anderem mit der NGO „Sea-Watch“ im Mittelmeer Menschen aus Seenot rettet. Schon beim bloßen zuhören bin ich von ihren Schilderungen der Geschehnisse auf dem Mittelmeer emotional überfordert. Zwischen Toten und Ertrinkenden, dem Drangsal von Küstenwache und Milizen ein Mensch zu bleiben und in den Geretteten und Geflüchteten einem anderen Menschen zu begegnen ist eine unglaubliche psychische Leistung. Ihre Wut und ihr krachender Stolz nehmen mich gefangen. Was Ihre Motivation sei, wird sie gefragt. „Ich tue das, weil ich es kann. Weil ich die Fähigkeiten habe, weil ich die Möglichkeiten habe, weil es außer mir nur sehr wenig Leute gibt, die das können.“ Pia Klemp ist direkt. Sie spricht aus, was Realität ist, ohne Umschweife oder beschönigende Formulierungen. Es ist Akzeptanz, die ich aus ihren Worten höre. Akzeptanz, die aus einer inneren Klarheit heraus entsteht, nicht aus der Demut heraus sich einem wie auch immer gearteten „richtigen“ Vorschlag von außen zu beugen.
Es stimmt, ich kann mich nicht gut abgrenzen. Emotionen anderer Menschen treffen mich oft direkt und unmittelbar. Da gibt es keine Barierre zwischen Innen uns Außen. Ich bin grenzenlos. Das bedeutet, das ich niemals auf einem Seenotrettungsschiff mitfahren werde, um Flüchtling zu retten, weil mich das Elend schon beim Zuhören in allen Poren erreicht. Es bedeutet, dass ich oft schnell merke, wie es Menschen geht, manchmal noch bevor sie es selbst formulieren können. Es bedeutet, manchmal überfordert zu sein, von all den Untertönen die mir jemand in einem einzigen Satz mitteilt. Ja, es bedeutet auch, dass ich immer wieder Zeit brauche um mich zu sortieren und nachzudenken. Aber liegt vielleicht auch darin eine Fähigkeit? Eine Möglichkeit? Werde ich irgendwann aufhören, meine Innere Ruhe zu suchen und akzeptieren, wer ich bin?
Wie ist das bei Dir? Kannst du dich gut abgrenzen? Oder gehst du emotionalen Situationen einfach aus dem Weg? Kannst du akzeptieren wer du bist? Auch wenn es vielleicht anstrengend und aufreibend sein kann?
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