In unserem Garten hat meine Mitbewohnerin Kräuter, Mangold, Zucchini und Tomaten angepflanzt. Bei den momentanen Temperaturen hängen schnell die Blätter, aber Mareike ist unermüdlich. „Den Pflanzen geht’s nicht gut!“ meint sie und steht schon an der Regentonne. Jeden Abend dreht sie die Runde und bewässert alle Pflanzen. Langsam werden die Tomaten rot. Sie sind unglaublich lecker, süß, saftig mit leichter Säure. Nur möglich, weil Mareike jeden Tag gießt, Blättchen zupft, Stängel hochbindet und düngt.
Die Sofabank für mein Zimmer war eine Maßanfertigung. Weil das Zimmer zu klein für ein Sofa war und ich zusätzlichen Stauraum brauchte haben mein Vater und ich mehrere Wochenenden daran geschraubt und gesägt. Messen, zeichnen, planen, Pläne umwerfen, nochmal messen, Holz kaufen und zuschneiden, logisch denken und in der richtigen Reihenfolge zusammenschrauben…. Als wir ans ölen kamen, war mir als kleinem Ungeduldsengel schon fast die Puste ausgegangen. Aber jetzt steht sie da und jedes Mal wenn ich die Schubladen aufziehe, freue ich mich, wie gut alles passt.

„Da steckt viel Arbeit drin“, pflegt man zu sagen, wenn man einen schön gearbeiteten Gegenstand betrachtet und glaubt, die Sorgfalt und das Können des Menschen, der den Gegenstand geschaffen hat, zu verspüren. Das unsere Arbeit wirklich in den Dingen steckt, die uns gelingen, ist eine Vorstellung, die an die Grenzen des Nachdenkens über den Wert eines Werkes heranführt. Steckt unsere Arbeit wirklich in den Dingen? Manchmal, wenn ein Bauwerk mich berührt wie eine Musik, ein Stück Literatur oder ein Bild, bin ich versucht, daran zu glauben.“
Peter Zumthor (Architekt) in: „Architektur denken“ Basel, 2010.
Peter Zumthor ist ein international tätiger Architekt und doch hat er nur wenig gebaut. Sein Anspruch an die eigenen Arbeiten ist hoch. Vor der Architektur stand eine Ausbildung als Möbeltischler und noch heute sieht er in der Architektur eine „Kunst des Fügens“, die Wertigkeit von Materialien und Verarbeitung ist in seinen Gebäuden spürbar.

Das Zitat hat mich verzaubert und zum Nachdenken gebracht. Den ich glaube, der Blick darauf, welche Arbeit in den Dingen steckt, geht uns trotz dem großen Zulauf der DIY Bewegung zunehmen verloren. Wonach berechnen wir den Wert der Dinge? Nach dem Material und nach der Zeit die für die Herstellung gebraucht wurde? Nach der Verfügbarkeit der Rohstoffe? Und was bedeutet Arbeit in diesem Zusammenhang?
Arbeit wird in unserer Gesellschaft wohl meist mit Leistung gleichgesetzt, die wiederum mit Geld und Ansehen belohnt wird. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass Zumthor hier noch eine andere Arbeit meint. Er spricht von einer Tätigkeit die Mühe bereitet, aber aus einer Notwendigkeit heraus entsteht etwas herzustellen. Er schaut auf Arbeit, die mit den Händen gemacht wird, aber ich glaube, dass lässt sich durchaus übertragen. Auch in der Abschlussarbeit, die ich gerade schreibe, wird am Ende viel Arbeit stecken – die Mühe, der Aufwand liegt dabei aber wohl doch mehr im Kopf als in den Händen. Wenn wir Arbeit nun einmal losgelöst von dem Leistungsbegriff (und damit auch von Geld und Ansehen losgelöst) betrachten, was bleibt dann? Dann ist Arbeit eine zielbewusste Tätigkeit. Eine Tätigkeit in der ich Sinn sehe, weil ich an den Nutzen des Endproduktes glaube. Und es ist eine Tätigkeit, die mir nicht unbedingt leicht von der Hand geht, sondern die mich herausfordert.
Und der Wert eines Dinges? Hat der etwas mit der Arbeit zu tun? Mit Sicherheit. Und solange wir die Arbeit in Stunden und den Wert eines Dinges in Geld berechnen passt das System auch. Aber was ist mit Dingen, mit Arbeit die „mit Geld nicht zu bezahlen ist“, wie man so schön sagt? In diesen Dingen steckt auch Arbeit, Überlegung, Mühe und Zeit. Für diese Dinge brauchen wir eine andere Währung. Vielleicht so etwas wie Achtung und Wertschätzung? Dinge, die uns gelingen, erfüllen uns mit stolz. Für Außenstehende ist vielleicht gar nicht direkt erkennbar welche Arbeit in den Dingen steckt. Umso schöner, wenn das jemand sieht und anerkennt.
Die Arbeit in den Dingen zu spüren braucht einen besonderen Blick, geübte Beobachtung. Und vielleicht ist das nicht nur der Blick, mit dem wir über den nächsten Handwerkermarkt schlendern, und uns handgeschnitztes Salatbesteckt und selbstgezogene Kerzen ansehen, vielleicht sollten wir diesen Blick auch anwenden, wenn wir ein T-Shirt kaufen, ein Stück Käse oder einen neuen Stuhl. Auch da steckt Arbeit drin. Aber wir sehen sie nicht mehr, wenn wir im Klamottenladen stehen, vor der Kühltheke oder in einem Möbelhaus, das uns vorgaukelt wir könnten uns in unseren Möbeln noch selbst verwirklichen, weil wir sie zu Hause mit pimpfigen Inbusschlüssel zusammen schrauben dürfen. Ist das die Arbeit, die in meinem Bücherregal steckt? Zumthor betont „die Sorgfalt und das Können, des Menschen, der den Gegenstand geschaffen hat“. Und manchmal frage ich mich, warum wir uns mit etwas zufrieden geben, dass diesem Kriterium nicht entspricht. Warum wir unseren Käse eingeschweißt aus dem Kühlregal nehmen, anstatt auf dem Markt oder im Hofladen mit den Menschen zu sprechen, die ihn hergestellt haben. Ihnen zu sagen, wie gut er schmeckt und zu sehen wie stolz sie auf ihre Arbeit sind. Und warum wir unseren Salat fertig gemixt in kleinen Plastikschalen kaufen, anstatt uns selbst die Arbeit zu machen, unsere Sorgfalt und unser Können in die Dinge zu stecken, und stolz darauf zu sein, wenn es gelingt. Vielleicht würde sich dann auch unser Wertmaßstab ändern. Wenn wir wieder erfahren würden, welche Arbeit in den Dingen steckt – würden wir sie nicht auch anders bewerten?
Wie stehst du zur Arbeit in den Dingen? Ist sie dir wichtig? Oder bist du eher für Arbeitsteilung? Wann hast du zum letzten Mal wirklich Arbeit in etwas gesteckt und was war das?

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