Der Körper erinnert sich

Es ist nicht nur der Geruch, feucht und staubig zugleich. Oder die Worte: Schlicker, lederhart, Schrühbrand. Es ist vor allem die Haptik, die rauen Brettchen, die sanft geschwungenen Hölzer, der kühle, glatte Ton.
Meine Hände beginnen zu arbeiten. Schlagen. Kneten. Rollen. Kratzen. Schlickern. Meine Hände tun das einfach, fast schon ohne mich. Sie formen ein Gefäß, als gäbe es eine direkte Verbindung zwischen meinem Herzen und meinen Händen, die den Kopf außen vor lässt. Der gibt höchstens ab und zu Kommentare von der Seitenlinie. Entscheidungen trifft er hier keine. Ist vielleicht auch besser so.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das erste Mal Ton in der Hand hatte. Vermutlich in einem Alter, in dem Kinder ihn direkt in den Mund stecken. Ich weiß wie Ton schmeckt. Es gibt Handabdrücke von mir auf Ton, da war ich noch nicht im Kindergarten. Getöpfert habe ich eigentlich meine ganze Kindheit und Jugend hindurch. Meine Oma hatte eine Töpferwerkstatt und ohne, dass es jemals ein großes Thema war, war ich dort viele, viele Jahre lang sehr regelmäßig.

Kinder machen so vor sich hin. Sie probieren aus. Sie lernen. Ich hatte beim Töpfern nie Angst vor Fehlern. Kann man alles wieder zusammenklatschen und neu machen. Oft war ich unzufrieden. Und habe es so lange probiert, bis es geklappt hat. Weil niemand daneben stand und es bewertet hat. Es gab eine stolze Oma – ansonsten hat sich um meine Töpferwerke eigentlich kaum jemand gekümmert. Ich konnte ganz in meiner Kreativität versinken und hatte meine Ruhe. Töpfern war ein Freiraum in einem Leben voller Fremdbestimmung und Enge. Ein Raum, in dem ich nur ich war.

Letztens habe ich einen Töpferkurs gemacht und diesen Raum nach 17 Jahren wieder betreten. Welch ein Glück. Meine Hände einfach machen zu lassen. Vertrauen zu können, dass sie wissen, was sie tun auch wenn ich mich gar nicht mehr erinnere. Zu staunen, was entsteht, fast ohne mein Zutun. Nur zu fühlen und zu sein.

Ich wünsche allen Menschen einen Raum, in dem sie genau das können. Und das Wissen, dass solche Räume offen bleiben, auch wenn man sie lange nicht betreten hat.

Hinterlasse einen Kommentar