
Mit 28 war ich das erste Mal alleine im Urlaub und vielleicht wird Siena auch deshalb immer besonders für mich sein. Während meines Praktikums in Rom wollte ich Italien entdecken und landete für ein verlängertes Wochenende in Siena. So richtig realisiert, dass ich alleine unterwegs bin, habe ich erst, als ich da war. Als da niemand war, mit dem ich mich absprechen musste. Als ich alleine die Stadt entdeckte und schließlich auf der Piazza del Campo saß, mit meiner Pizza und einem Bier und niemandem zwischen mir und der Weite dieses Platzes, der Atmosphäre, die ohne Grenze durch mich hindurchging, mich einschloss und einbezog. Ich. Jetzt. Hier.
Lange hatte ich Angst vor dem Alleinsein. Die Angst davor, alleine mit einer Situation zu sein, die mich überfordert, war lange die Schlimmste überhaupt. Das Gefühl eines tiefen, nicht aufhörenden Fallens überkam mich, wenn die Angst kam – nicht immer wenn es überhaupt angebracht war, ich war selten im Leben wirklich alleine. Aber ich war sehr lange einsam. Tief in mir verkrochen, ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt, ohne das Gefühl irgendwo zu Hause zu sein oder dazuzugehören habe ich einen Großteil meiner Jugend verbracht. Irgendwo, wabernd im endlosen nichts, eingekapselt in mir selbst. Ein Leben unter der Käseglocke.
Gerettet aus dieser Zeit hat mich ein Neuanfang. Die Möglichkeit, mich selbst neu zu erfinden und bei neuen Menschen anzukommen. Mich selbst loszulassen, mir die Freiheit wiederzugeben hat auch Kraft gekostet. Und sehr viel Mut. Es dauerte lange, bis ich die Angst ablegen konnte. Bis ich wusste: Da sind immer Menschen, die für mich da sind. Denen ich wichtig bin. Zu denen ich gehöre – auf welche Art auch immer. Viel haben WGs dabei geholfen. Viel gute Freund:innen und einige tolle Kolleg:innen. Und natürlich meine Geschwister, die für mich immer und in allen Situationen die stabilste Gruppe waren, der ich mich zugehörig gefühlt habe. Aber es hat gedauert, bis ich vertrauen konnte. Geben konnte. Nehmen konnte. Mich abgrenzen und gleichzeitig in Verbindung bleiben. Ich lerne das noch immer.
Und dann, in Siena, dieses Begegnung mit mir selbst. Nur ich sein. Für mich da sein. Sein. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Ich war an jedem Abend alleine Essen, jedes Mal im gleichen Restaurant. Minimale Zugehörigkeit auf Zeit. Gut für mich sorgen. Ich bin durch die Stadt gestreift und habe den Gedanken in meinem Kopf Raum gegeben. Laufen. Atmen. Schauen. Schweigen. Nach dieser Erfahrung habe ich es genossen mit mir allein zu sein. Kalkuliert. Planend. Immer wissend, und immer mehr darauf vertrauend, dass ich nie wieder so einsam sein muss.
Und doch war ich es wieder. Zeitweise war ich auch später noch einsam und das zu einer Zeit in der ich einen wirklich großen Kreis an Menschen um mich hatte, vielleicht mehr als je zuvor. Einsamkeit entsteht nicht aus dem Alleinsein. Sondern aus dem Mangel an Zugehörigkeit. Nirgendwo hinzugehören, macht einsam, egal wie viele Menschen da sind. Und dabei bleibt das Gefühl von Zugehörigkeit so individuell wie die Menschen selbst. Was braucht es um sich zugehörig zu fühlen? Eine feste Gruppe vertrauter Menschen die füreinander einsteht? Oder nur ein Konzert der Lieblingsband, gemeinsam mit ein paar tausend anderen Fans? Fühlt sich, wer schnell und einfach mit Menschen in Kontakt kommt auch schneller an neuen Orten und in fremden Situationen zugehörig? Oder braucht es noch etwas anderes? Mir fehlte zu dieser Zeit ein klarer Bezugspunkt.
Und wieder habe ich meine Zugehörigkeit bei mir selbst gesucht, im Alleinsein. Aber dieses mal nicht unter der Käseglocke, sondern in all den Geschichten und Talenten, in den Möglichkeiten die ich bin. Die Zugehörigkeit zu mir selbst, ist ein Brunnen aus dem ich zum Glück immer schöpfen kann. Auch das hat mich schon in meiner Jugend gerettet: Zu wissen, ich bin gut wie ich bin und ich bin für mich selbst da so gut es geht. (Spoiler: Das geht mit 33 sehr viel besser als mit 13).
Entscheidend ist für mich immer noch, ob ich selbstgewählt allein bin oder ob einfach gerade niemand Zeit für mich hat. Absagen haben mich lange verletzt. Aber auch das ist jetzt so viel besser auszuhalten. Grenzen setzen musste ich lernen. Sie bei anderen zu feiern auch. Manchmal genieße ich es alleine in der WG zu sein. Manchmal brauche ich das. Manchmal wünsche ich, ich wäre es nicht.
Und am Ende ist es doch genau das. Wir können uns nicht aussuchen, wer da ist und wie lange. Menschen kommen und gehen. Aber dieses Gefühl von der Piazza del Campo in Siena wird mich ein Leben lang begleiten.

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