Das Thema Ehrlichkeit hat mich aus verschiedenen Gründen in den letzten Wochen sehr beschäftigt. Was bedeutet Ehrlichkeit? Und was heißt es ehrlich zu sein? Ich finde es immer spannend, Begriffe mit denen wir alltäglich hantieren mal zu hinterfragen. Oft stelle ich dabei fest, dass es da so kleine Lücken in der Bedeutung gibt, dass ganz oft auf den Kontext ankommt. Und dass Menschen Dinge unterschiedlich verstehen. Bei der Ehrlichkeit ist es wirklich ein verrückt schwieriges Thema, zumindest für mich und im ersten Moment. Nicht nur, weil wir alle mal kleine Notlügen benutzen um höflich zu sein, sondern weil es eben diese kleinen Bedeutungslücken gibt. Ich möchte deshalb versuchen, einige Begriffe, die mir in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen sind zu ordnen und in Zusammenhang zueinander zu setzen. Mal sehen, was am Ende dabei raus kommt.
Ehrlichkeit, was ist das?
Ehrlich zu sein bedeutet, eine Meinung zu haben und diese auch zu sagen. Also zu sagen, was man denkt oder fühlt. Ich würde hier nochmal unterscheiden zwischen politisch-gesellschaftlichen Diskussionen und persönlichen Gesprächen. Denn Demokratie lebt von Diskussion, und somit davon, dass ein Meinungsaustausch stattfindet. In persönlichen Gesprächen steht meist die Beziehung im Vordergrund und bestimmt, was gesagt wird und gesagt werden kann.
Was ist Ehrlichkeit nicht?
Ehrlich zu sein bedeutet nicht, die Wahrheit zu sagen. Also das was „Fakt“ ist, was von allen überprüft werden kann, was unumstößlich ist. Na klar, kann man hier auch versuchen zu lügen, aber um diesen Gegensatz von Wahrheit und Lüge geht es mir gerade nicht. Was ich meine ist: Wenn ich sage was ich denke, ob in einer politischen Diskussion oder in einem persönlichen Gespräch, dann ist das meine Meinung. Und die ist immer diskutabel. Die kann sogar komplett gegensätzlich zu der Meinung und dem Gefühl des Gesprächspartners sein. Diesen Konflikt kann man dann vielleicht nicht einmal richtig auflösen. Aber es ist wichtig zu wissen, dass jemand der ehrlich seine Meinung sagt, niemals „die Wahrheit für sich gepachtet hat“.
Warum ehrlich sein?
Ich persönlich finde Ehrlichkeit unglaublich wichtig. Ehrlichkeit bietet ein Stück Sicherheit: Ich weiß was der andere denkt, fühlt, wie er zu einem Thema steht. Ich kann mich darauf verlassen und mich danach richten. Das erleichtert den im Umgang miteinander. Und wenn ich selbst ehrlich bin, kann ich mit meiner Sicht auf die Dinge, vielleicht Fenster im Denken des Gegenübers öffnen, ihn zum Nachdenken anregen und inspirieren. Ehrlichkeit schafft Raum für Gespräche und Diskussion, denn wie schon beschrieben: Eine Meinung ist immer diskutabel denn sie ist eben nicht die „faktische Wahrheit“.
Was ist das Schwierige an Ehrlichkeit?
Ehrlich sein ist schwierig. Mann muss sich öffnen und ein Stück von sich selbst in den Mittelpunkt stellen, wo es von anderen vielleicht anders beleuchtet, kritisiert oder auch missverstanden wird. Wer ehrlich ist, gibt etwas von sich preis und macht sich damit verletzlich.
Und: Wer ehrlich ist, und seine Meinung auch klar vertritt wirkt schnell arrogant und vielleicht auch unnahbar. Es entsteht schnell der Eindruck, er setzt sich mit seiner Meinung über die der anderen.
Aber nicht nur, die Person, die etwas sagt muss mutig sein. Ehrlichkeit fordert auch vom Zuhörer etwas, denn Ehrlichkeit wird oft persönlich genommen und als Kritik an der eigenen Person verstanden.
Wie geht Ehrlichkeit?
Ich denke deshalb, zum ehrlich sein, gehört es auch diplomatisch zu sein. Nicht einfach draufhauen, sondern respektieren, dass mein Gegenüber gerade etwas gesagt hat, das ein Stück seiner Persönlichkeit ist! Und diese Persönlichkeit gilt es an erster Stelle als Wert an sich zu sehen und zu achten. Außerdem führt es meist zu Unmut, immer nur rum meckern und die negativen Seiten der eigenen Meinung zur Schau stellen. Wer kritisiert, sollte auch loben können.
Und wer eine ehrliche Meinung hört, muss abstrahieren und reflektieren können: Das was ich höre ist eine Meinung. Ich kann anderer Meinung sein. Ich kann annehmen, das mein Gegenüber nicht meiner Meinung ist und ihn trotzdem in seiner Persönlichkeit respektieren und schätzen.
Ist Ehrlichkeit immer und überall das gleiche?
Nein. Verrückt oder? Ehrlichkeit ist kulturabhängig und eine Frage der Persönlichkeit. Das ist zumindest meine Erfahrung. Oft kann aus bestimmten Gesten, Haltungen oder Formulierungen die ehrliche Meinung abgelesen werden, auch wenn sie nicht direkt formuliert wird. Oder eine direkte Formulierung wird durch ein „Nimm’s nicht so ernst lachen“ abgeschwächt. In manchen Kulturen sind nur ältere Personen befugt, jemandem ehrlich die Meinung zu sagen, weil sie genug Lebenserfahrung haben.
Für eine konfrontative Person mit einer starken Meinung wie ich es bin führt das immer mal wieder zu Konflikten. Ich kann es nicht aushalten, wenn mir jemand das eine sagt und das Gegenteil zeigt oder tut. Mir fehlt im Ausland oft die kulturelle Kompetenz, die ehrliche Meinung herauszulesen und entsprechend zu handeln. Meine Ehrlichkeit funktioniert mit Worten. Gesagtes steht vor dem Verhalten, selbst wenn das konträr oder widersprüchlich ist. Auf das Gesagte kann man sich berufen.
Ehrlichkeit setzt voraus, dass man zu seiner Meinung steht. Und dass man zuerst einmal ehrlich zu sich selbst ist! Irgendwelche diffusen Thesen aufzustellen, die unhaltbar sind bringt niemanden weiter. Vielleicht braucht Ehrlichkeit Integrität. Sowohl die Person, die Ehrlich sagt, was sie denkt, als auch die Person die sie hört, muss in gewisser Weise eine gefestigte Persönlichkeit besitzen. Aber bedeutet das im Umkehrschluss, das manchen Menschen Ehrlichkeit nicht zuzumuten ist?
Diese Frage stelle ich mir oft in persönlichen Beziehungen: Wo ist der Punkt, an dem ich nicht mehr das Recht habe einer Person mit meiner Meinung zu konfrontieren? Wo hört meine Freiheit auf? Wo fängt die des anderen an?
Bestimmt ist es nicht immer nötig ehrlich zu sein. In persönlichen Beziehungen kann der schmale Grat der Diplomatie zwischen gut formulierter Meinung und schonungsvollem Schweigen wichtig sein. Gesellschaftlich gesehen, bleibt Ehrlichkeit für mich ein Wert. Dinge anzusprechen, die meiner Meinung nach falsch laufen ist wichtig für mein Verständnis einer demokratischen Gesellschaft. Denn nur so, kann Diskussion darüber entstehen, was und wie und ob sich etwas ändern soll.
Trotzdem denke ich, dass ehrlich sein uns letztendlich gut tut. Dass es uns persönlich und gesellschaftlich näher zusammen bringt und bereichert eine ehrliche Meinung zu hören. Ich glaube das Ehrlichkeit das Verständnis füreinander fördern kann. Das ist nicht einfach! Im Gegenteil. Aber es lohnt sich.
Das ist zumindest meine Meinung.
Und wie ist deine?
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